Ostsee unter Druck

Wie die Meeresangelfischerei helfen kann

Alexander Seggelke, Geschäftsführer des Deutschen Angelfischerverbands, spricht über den Wandel der Meeresangelfischerei, das Potenzial der Anglerinnen und Angler für den Schutz der Ostsee und die Frage, wie unterschiedliche Interessen am Meer zusammenfinden können.

Du bist selbst Angler, Gewässerökologe und Fischbiologe. Was hat sich in den vergangenen Jahren bei der Meeresangelfischerei am stärksten verändert?

Die größte Veränderung waren sicherlich die ersten Fangbegrenzungen in der Ostsee, die Angler gespürt haben, zunächst vor allem beim Dorsch. Was in den ersten Jahren zu sehr viel Diskussion und Unverständnis geführt hat, ist mittlerweile bei vielen einem großen Verständnis gewichen. Das Hauptproblem ist heute aber größer: Das Ökosystem der Ostsee steht massiv unter Druck. Gleichzeitig gibt es auch Entwicklungen, die Hoffnung machen. Bei der Meerforelle ist die Angelei mit Fliege oder Blinker in den vergangenen Jahren zum Trend geworden.

Was unterscheidet Berufs- und Angelfischerei aus deiner Sicht am deutlichsten?

Der große Unterschied liegt für mich in der Motivation. Die Berufsfischerei unterliegt einem wirtschaftlichen Zwang. Für sie hängt vom Fang die wirtschaftliche Existenz ab. Beim Angeln ist das anders. Als Angler kann ich einen ganzen Tag an der Ostsee verbringen, nichts oder nur wenig fangen und trotzdem abends nach Hause kommen und sagen: Was für ein herrlicher Tag! Ich war draußen, habe vielleicht einen Schweinswal gesehen, frische Luft bekommen und Natur erlebt. Als Berufsfischer ist die Situation eine andere. Wenn das Netz leer ist, kann ich mir diesen Tag nicht schönreden. Davon hängt mein Einkommen ab, davon muss ich den Kutter abbezahlen, das Haus bezahlen oder das Geld für die Familie verdienen. Das ist eine völlig andere Herangehensweise. Diese Unterschiede muss man verstehen, wenn man Angelfischerei sinnvoll gestalten will.

Was beschäftigt die Anglerinnen und Angler derzeit besonders?

Im Alltag sprechen sie natürlich über ihre Fänge, Köder und die Frage, wann und wo es am besten läuft. Bei den politischen Themen beschäftigen die Angler vor allem die zunehmenden Einschränkungen und die Frage, warum bestimmte Begrenzungen notwendig sind. Gleichzeitig wollen sie wissen, welche Freiheiten und Möglichkeiten ihnen künftig noch bleiben. Ein weiteres Thema, das künftig an Bedeutung gewinnen wird, sind die Angeldaten. Sie sollen dabei helfen, besser zu verstehen, wie viel Fisch durch die Angelfischerei entnommen wird und welchen Einfluss diese Entnahme auf die Fischbestände hat. Das kann für alle ein großer Gewinn sein. Entscheidend ist aber, die Angler dafür zu gewinnen und aus der Datenerfassung nicht eine weitere Quelle von Frust entstehen zu lassen.

Welches Potenzial steckt denn in den Anglerinnen und Anglern?

Die Ostsee ist eine riesige Wasserfläche. Entlang der Küste sind viele Menschen unterwegs. Das sind viele, viele Augen, die Veränderungen sehen und mit anpacken können, wenn es darum geht, Informationen zu sammeln oder direkt ins Handeln zu kommen. Bei Aufräumaktionen, Bürgerforschung oder anderen Projekten könnten Anglerinnen und Angler wichtige Partner sein. Jedes Pilotprojekt, das zum Mitmachen anregt, ist Gold wert.

An den Küsten treffen unterschiedliche Interessen aufeinander. Wo liegen die größten Konflikte?

Konflikt wird immer dann sichtbar, wenn Ressourcen Mangelware werden. Genau das erleben wir in Teilen der Ostsee. Das Ökosystem steht unter enormem Druck, gleichzeitig wollen viele verschiedene Gruppen diesen Raum weiterhin nutzen. Deshalb ist es wichtig, die Menschen mitzunehmen und die Nutzung mit möglichst klaren Spielregeln zu versehen. Ich bin überhaupt kein Freund von Nullnutzung. Wir sollten nicht zwei Welten schaffen: hier der Mensch, dort die Natur. Die reine Nullnutzung wird meiner Meinung nach immer zu weiteren Konflikten führen.

Was braucht es, damit unterschiedliche Interessengruppen wieder stärker zusammenfinden?

In solchen Konfliktsituationen braucht es Menschen, die noch bereit sind, in die Kommunikation zu gehen. Kommunikation ist einer der ganz wesentlichen Aspekte. Gleichzeitig braucht es Professionalität und die Bereitschaft, Konflikte auf Grundlage belastbarer und vernünftiger Daten auszudiskutieren. Das haben wir auch in der Zukunftskommission Fischerei erlebt. Wir haben durchaus kontrovers diskutiert, aber immer wieder versucht, gemeinsame Lösungen zu finden.

Die Zukunftskommission Fischerei hat eine nationale Meeresangelstrategie empfohlen. In der Fokusgruppe „Marine Angelfischerei“ der IKTF arbeiten wir gemeinsam daran weiter. Was sollte die Strategie leisten?

Das Wichtigste bei solchen Strategien ist immer, dass man etwas hat, an dem man sich orientieren kann. Entscheidungsträger müssen wissen, welchen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Stellenwert die Angelfischerei hat und welche Möglichkeiten darin stecken. Man kann sie nicht einfach wie die Berufsfischerei über Tonnage und Mortalität managen. Wir sprechen über sehr viele Menschen, die draußen unterwegs sind, einen engen Bezug zur Natur haben und bereit sind, sich einzubringen. Dieses Potenzial nicht zu nutzen, wäre eine vertane Chance.

Du hast die Bedeutung von Teilhabe betont. Was heißt das konkret?

Teilhabe ist für mich einer der ganz wesentlichen Faktoren. Wenn wir Menschen für den Schutz der Meere gewinnen wollen, müssen wir sie als Player mit integrieren. Anglerinnen und Angler könnten zum Beispiel über Bürgerforschung, Datensammlung oder konkrete Aktionen beitragen. Aber: Wenn ich Unterstützung möchte, muss ich auch eine „What’s in it for me?“-Situation schaffen. Wer nur Verbote und Einschränkungen erlebt und gleichzeitig um Mithilfe gebeten wird, entwickelt Frust. Wer das Potenzial heben möchte, muss einen Schritt auf die Menschen zugehen, Möglichkeiten schaffen und klare Spielregeln anbieten.

Was wünschst du dir für die Meeresangelfischerei?

Das Schönste wäre ein niedrigschwelliger Zugang und mehr Sensibilisierung in der Gesellschaft. Angeln bedeutet nicht nur, einen Fisch zu fangen. Es bedeutet, draußen zu sein, in Bewegung zu kommen, Natur zu erleben und Abstand von den digitalen Stressoren zu gewinnen, allein oder gemeinsam. Wir haben hier ganz viele Attribute, die jedem guttun. Diese Mehrwerte sollten wir als Gesellschaft stärker erkennen.